A. Penselin

In dem 1994 von dem Medizinhistorikers U. Benzenhöfer herausgegebenen Buch "Anthropologische Medizin und Sozialmedizin im Werk Viktor v. Weizsäckers" (Benzenhöfer, 1994) habe ich selbst einen Beitrag mit dem Titel "Zur Aktualität der Wissenschafts- und Gesellschaftskritik in Viktor v. Weizsäckers Anthropologischer Medizin" veröffentlicht. Ich habe darin - ausgehend von einer Widerlegung der Thesen K. H. Roths - die zentralen Themen der Schriften Weizsäckers​ daraufhin untersucht, inwiefern die dort durchgängig auffindbare Wissenschafts- und Gesellschaftskritik auch heute noch für eine politisch ausdrücklich "links" orientierte kritik unseres Gesundheitssystems nutzbar wäre. Mein Anliegen war der Nachweis, dass der folgende Satz Weizsäckers nicht etwa eine einmalig überzogene Zuspitzung seiner wirklichen Überzeugungen darstellt, sondern er stets eine Verbindung im Blick hatte zwischen seiner Kritik der alle sinnlichen Qualitäten quantifizierenden Wissenschaften und der in unserer Gesellschaft allgegenwärtigen Quantifizierung von Gegenstandswerten (Geld) bis hin zur in Prozentangaben vom medizinischen Gutachter festgesetzen Arbeitsfähigkeit eines Menschen. Er hat mehrfach darauf hingewiesen, dass hiermit der Arzt eine seinem eigentlichen Auftrag fremde Rolle aufgezwungen bekommt und in den wirtschaftlichen Produktionsprozess unmittelbar eingebunden ist.

"Da Macht, Geld und Wissenschaft aber in einem Konnex stehen wie die drei Seiten eines Dreiecks, so kann niemand eine der drei Seiten zerschlagen, ohne die beiden andern zu zerschlagen. Die naturwissenschaftliche Medizin ist also ganz präzise diejenige, welche mit der Machtordnung der bürgerlichen Gesellschaft und mit der Geldordnung, die Marx den Kapitalismus nannte, steht und fällt."

V. v. Weizsäcker (1948), S. 270

Dieses Zitat aus einem Text Weizsäckers kurz nach dem 2. Weltkrieg macht verständlicher, inwiefern es ebenfalls kein Zufall gewesen ist, dass Weizsäcker bereits innerhalb der Weimarer Demokratie in Heidelberg Kontakte zu Toni Sender, einer Vertreterin des linken Flügels der SPD, hatte. Und es mag als weiterer Beleg dafür gelten, dass Weizsäcker von seinen grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Überzeugungen her schon immer ganz anders als nationalsozialistische orientiert gewesen ist. Sie haben allerdings sicherlich keinen so ausführlich in seinen Texten formulierten Stellenwert gehabt wie philosophische oder theologische Überlegungen.

Es folgt der Text meiner Veröffentlichung von 1994.

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