Kontroverse Deutungen

Der Gesundheitstag 1980 in Berlin behandelte das Thema "Medizin und Nationalsozialismus. Tabuisierte Vergangenheit - Ungebrochene Tradition?" Liest man heute das Inhaltsverzeichnis des Tagungsbandes​ (Dokumentation des Gesundheitstages in Berlin, 1980), so finden sich darin zahlreiche Autoren, die auch in den darauffolgenden Jahrzehnten Wesentliches zur Aufarbeitung dieses lange tabuisierten Themas beitrugen. Jene Dokumentation enthielt die erste ausführliche Kritik der Haltung Viktor von Weizsäckers in der Zeit des Nationalsozialismus, vorgelegt von W. Wuttke-Groneberg (1980).

 

Zu diesem Zeitpunkt war - trotz erster Hinweise in polnischen Publikationen (K. Marxen und H. Latyński, 1949; P. Lisiewicz, 1970; D. Moska, 1975) - in der BRD noch unbekannt, dass im Neurologischen Forschungsinstitut V. v. Weizsäckers in Breslau neuropathologische Untersuchungen zahlreicher in Lubliniec im Rahmen der Euthanasie ermordeter Kinder durchgeführt wurden. Dies recherchierte erstmals der praktische Arzt und Medizinhistoriker K. H. Roth bei einem Sudium der entsprechenden Archive in Polen. K. H. Roth kannte M. Kütemeyer, eine Neurologin und Tochter des Weizsäcker-Schülers W. Kütemeyer. M. Kütemeyer hatte eine medizinische Dissertation über die sogenannte Heidelberger Schule verfasst. K. H. Roth setzte sie von den Ergebnissen seiner Recherchen in Kenntnis.

1986 fand in Heidelberg ein Symposium zum 100. Geburtstags Weizsäckers statt. In dessen Vorfeld informierte M. Kütemeyer mehrere inhaltliche Organisatoren dieser Veranstaltung, die sich seit vielen Jahren intensiv mit V. v. Weizsäcker auseinandergesetzt hatten über die Recherchen Roths. Sie stieß offensichtlich bei niemandem auf die Bereitschaft, sich während der Veranstaltung öffentlich zu diesem Thema zu äußern, obwohl sie mit Nachdruck die Ansicht vertrat, dass dieses Symposion nicht einfach als ehrwürdige Feierstunde über diese historisch brisanten Erkenntnisse hinweggehen könne. Diese erforderten eine öffentliche Stellungnahme. Ihr Anliegen war sicherlich berechtigt. Andererseits waren auch viele wichtige Fragen zur Einschätzung des bis dahin vorliegenden historischen Materials ungeklärt. Nachdem sich niemand zu einer öffentlichen Stellungsnahme bereit erklärte, machte M. Kütemeyer in einer Diskussionsrunde auf dem Podium in Heidelberg selbst die Entdeckung der Krankenakten der in Lubliniec ermordeten Kinder, sowie der Untersuchungen in Weizsäckers Breslauer Institut öffentlich. Damit war das Schweigen durchbrochen und viele Teilnehmer im Saal, die erstmals etwas von dieser Verbindung zwischen dem Institut V. v. Weizsäckers und der Kinder-Euthanasie erfuhren, schockiert - darunter auch die Tochter V. v. Weizsäckers, Cora Penselin, und ich selbst. Erst danach wurde uns in zahlreichen Briefen und Gesprächen mit M. Kütemeyer verständlich, dass ihr damals kaum eine andere Wahl geblieben war, als die historischen Erkenntnisse dort anzusprechen. In den Folgejahren setzte sich vor allem C. Penselin dafür ein, die genauen historischen Zusammenhänge weiter mit der größtmöglichen Sachlichkeit und Offenheit - auch schmerzlichen oder beunruhigenden Einsichten gegenüber - zu erforschen. Der Neurologe W. Rimpau sowie der Medizinhistoriker U. Benzenhöfer lieferten - an dem Thema "Medizin und Nationalsozialismus" auch unabhängig von V. v. Weizsäcker interessiert - über Jahrzehnte hinweg immer wieder neues Material und hielten den Kontakt zu den Historikern, welche die medizinhistorischen Zusammenhänge weiter erforschten.

Noch in demselben Jahr publizierte K. H. Roth die Ergebnisse und Interpretationen seiner Forschungen in dem Artikel "Psychosomatische Medizin und Euthanasie: Der Fall V. v. Weizsäcker" (K. H. Roth, 1986). Insbesondere diese Arbeit erregte heftigen Widerspruch und kontroverse Diskussionen. Ohne Frage hatte K. H. Roth wichtige medizinhistorische Zusammenhänge erstmals erforscht und publiziert. Deren Interprtationen sowie seine Auslegungen der selektiv zusammengestellten Zitate sind jedoch mittlerweile wiederlegt. Vieles ist zudem medizinhistorisch genauer erforscht. Dennoch wird diese Veröffentlichung noch heute immer wieder als Beleg angeführt oder in ihren Kernaussagen einfach unkritisch übernommen.

Aber zu diesem Zeitpunkt waren eben jene genaueren Hintergründe - sowohl der Euthanasie in Lubliniec als auch der speziellen neuropathologischen Forschung am Breslauer Institut - noch unklar. Diese ließen C. Penselin keine Ruhe. Aus diesem Grund lernte sie Polnisch, begann eine Korrespondenz mit den polnischen Archiven und reiste gemeinsam mit ihrem Mann, dem Physiker S. Penselin, zweimal nach Polen, um dort selbst die Archive nach weiterem Material zu durchsuchen. Auf einer dieser Reisen wurden sie durch den Theologen S. Emondts begleitet. In dem Buch des Medizinhistorikers U. Benzenhöfer zur Anthropologischen Medizin und Sozialmedizin V. v. Weizsäckers (Benzenhöfer, 1994) fasste sie die Ergebnisse ihrer Forschungen in Form einer Stellungnahme zusammen.

In der Folgezeit überwogen bei den ausführlicher auf V. v. Weizsäcker eingehenden Publikationen die historisch sachlichen Einschätzungen. In diesem Sinne ist vor allem auf die folgenden Arbeiten zu verweisen:

- Die publizierte Dissertation des Sozial- und Politikwissenschaftlers J. Peter über den Nürnberger Ärzteprozess, innerhalb derer sich J. Peter ausführlich mit V. v. Weizsäckers Haltung zum Nationalsozialismus anhand einer Vielzahl an Texten und Quellen auseinandersetzte (Peter, 1994 und 1996).

- Das Buch des Historikers M. Dehli über Mitscherlich (Dehli, 2007), welcher ebenfalls ausführlich auf V. v. Weizsäcker einging.

- Das Buch des Medizinhistorikers U. Benzenhöfer über V. v. Weizsäcker als Arztphilosoph (Bnzenhöfer, 2007). In ihm wurden auch die sozialmedizinischen Texte, sowie die arbeitstherapeutischen Ansätze V. v. Weizsäckers unter Berücksichtigung des historischen Kontexts analysiert.

Eher parallel hierzu und unabhängig von den hirnpathologischen Untersuchungen in Weizsäckers Institut (die meist nur beiläufig erwähnt wurden) erfolgte eine genauere Untersuchung der Kinder-Euthanasie in Lubliniec -sowohl durch polnische als auch durch deutsche Ärzte und Historiker. Sie sind noch keineswegs abgeschlossen. Der aktuelle Stand ist auf den Unterseiten des Kapitel "Historisches" nachzulesen.

 

Seitdem erschienen nur noch vereinzelt kurze Darstellungen zu V. v. Weizsäckers Haltung in und zum Nationalsozialismus. W. Rimpau dagegen erstellte eine nach heutigem Kenntnisstand vollständige Literaturliste zur Sekundärbibliographie (mit derzeit über 5000 Titeln), welche er noch immer laufend ergänzt. Diese kann auf der Homepage der Viktor v. Weizsäcker Gesellschaft eingesehen und als Excell-Datei heruntergeladen werden. Speziell zum Thema V. v. Weizsäcker im Nationalsozialismus legte Rimpau eine chronologisch geordnete Liste mit Literatur an, die dieses Thema behndelt. Auch sie wird laufend aktualisiert und kann über meine Literaturliste als Word-Dokument heruntergelanden werden. Zudem recherchierte er die Biographie H. J. Scherers umfassend und entdeckte bedeutsame neue Erkenntnisse. Es ist sehr zu hoffen, dass die Zusammenfassung seiner Recherchen demnächst in der Zeitschrift "Der Nervenarzt" veröffentlicht wird.