Die neuropathologische Abteilung

 

Aufgrund der dargestellten Forschungsrichtung V. v. Weizsäckers​ ist praktisch auszuschließen, dass ausgerechnet er die Verbindung zu jener Kinderfachabteilung in Lubliniec aufgenommen haben könnte. Leider liegen bisher diesbezüglich keine Dokumente vor.

Die Leitung der neuropathologischen Abteilung hatte jahrelang - unter dem vorwiegend lokalisatorisch und neurochirurgisch orientierten Institutsleiter O. Foerster - dessen Schüler O. Gagel innegehabt. Es ist belegbar (vgl. die Schilderungen der bereits seit 1937 sowohl im Sekretariat, als auch in der Neuropathologie arbeitenden D. Heinzmann, 1989), dass bereits damals Kontakte zu mehreren Einrichtungen bestanden - darunter möglicherweise auch die Landes Heil- und Pflegeanstalt in Lubliniec, noch bevor in ihr eine Jugendpsychiatrie eingerichtet wurde. O. Gagel war ab 1940 Mitglied der NSDAP und schrieb später in Wien Gutachten für das Erbgesundheitsgericht.

Die Jugendpsychiatrische Klinik wurde vermutlich im Sommer oder Herbst 1941 unter der Leitung von E. Hecker in Lubliniec eingerichtet (U. Benzenhöfer, 2020, S. 193, K. Marxen, H. Latynski, 1949, S. 113). Sie war eine der ersten Kliniken dieser neuen Fachrichtung, zu deren Forschungsprogrammen auch an anderen Orten die neuropathologische Untersuchung verstorbener Patienten gehörte (M. Dahl, 2001, 2003). Hecker war an der Durchführung der Kinder-Euthanasie in Lubliniec über die Auswahl, Meldung und Verlegung der Kinder auf die zu ihrer Tötung eingerichtete Kinderfachabteilung B aktiv beteiligt. Sie führte zudem die meisten Obduktionen der getöteten Kinder durch (siehe die Aussage von E. Buchalik innerhalb des Dortmunder Ermittlungsverfahrens vom 30.11.1973, AZ/Reg.-Nr. 45 Js 65/008, Bd. 5, S. 26-27).

Die sogenannte "Reichsausschuss-Euthanasie" begann bereits im Jahr 1939. Benzenhöfer (2007) belegt, dass ihr Start in Lubliniec auf Dezember 1941 anzusetzen ist. Dies passt mit E. Heckers Anstellung dort exakt zusammen. Ab diesem Zeitpunkt gibt es auch einen Schriftverkehr zwischen Lubliniec und dem Reichsauschuss. Dies bedeutet, dass E. Hecker sofort mit ihrem Start in Lubliniec auch mit der ersten "Behandlung" eines ersten Reichsausschuss-Kindes begann (Benzenhöfer 2020, S. 195/6). V. v. Weizsäcker ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem halben Jahr Institutsleiter in Breslau. Die Zusammenarbeit mit Lubliniec kommt aber erst 1942 mit der Einstellung Scherers als Neuropathologe zustande. Dies spricht ebenfalls dagegen, dass diese Zusammenarbeit von V. v. Weizsäcker angestrebt wurde, sondern eher dafür, dass E. Hecker sie für ihr Forschungsprogramm erfragte, gleich nachdem die Neuropathologie in Breslau wieder besetzt war. V. v. Weizsäcker wird diesem Anliegen dann zugestimmt und die Anfrage an Scherer übergeben haben.

Dass E. Hecker also später in einem Schreiben zur Zusammenarbeit mit dem Neurologischen Forschungsinstitut V. v. Weizsäcker namentlich erwähnte, muss keineswegs bedeuten, dass die Initiative dazu von V. v. Weizsäcker ausging. Dies ist nach allem, was man heute weiß, sehr unwahrscheinlich. Medizinhistorisch betrachtet und mit Blick auf die Organisation der Kinder-Euthanasie sowie der mit ihr verbundenen Forschungsprojekte ist die Kontaktaufnahme von Seiten der Jugenpdychiatrie in Lubliniec jedenfalls wahrscheinlicher (siehe hierzu die Ausführungen auf der Unterseite zu den neuropathologischen Untersuchungen).