Schlussfolgerungen

Bis heute wurde kein Arzt und keine Pflegekraft wegen der Kinder-Euthanasie in Lublieniec zur Verantwortung gezogen. Die Ursachen des Justizskandals, dass die deutschen Behörden das entsprechende Ermittlungsverfahren einstellten, obwohl die polnischen Behörden und Archive ihnen über Jahre hinweg Dokumente und Vernehmungsprotokolle zugesandt hatten, aus denen die Täterschaft zumindest von E. Hecker und E. Buchalik eindeutig hervorging, wurden bis heute nicht aufgearbeitet.

Was mag der Familienvater J. Redlich in dem Moment empfunden und gedacht haben, als er erfuhr, dass die Mörder aller Kinder, die er in den Waschraum getragen hatte, sich nicht einmal vor einem Gericht für ihre Taten verantworten mussten? Damit wurde auch seine Aussage in Zweifel gezogen und stattdessen die skrupellosen Falschaussagen von Buchalik und Hecker als nicht widerlegbar akzeptiert. Diese gipfelten in der zynischen Behauptung, der von manchen Pflegekräften geäußerte Verdacht erhöhter Luminal-Verabreichungen beruhe vermutlich auf einer optischen Verwechslung mit den tatsächlich verabreichten Vitamin-C-Tabletten.

Selbst wenn man den deutschen Behörden zubilligt, dass sie mit den zwei Gutachten, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Verabreichung des Luminals und dem Tod der Kinder als nicht erwiesen einschätzten, in eine schwierige Lage geraten waren, so hätten sie trotzdem keinesfalls die gegenteiligen Aussagen J. Redlichs in Zweifel ziehen dürfen, sondern ihr Gewicht ebenfalls hervorheben und den Gutachten entgegenstellen müssen. Dem Unrecht, das dem Jungen Jerzy Redlich angetan worden war, wurde noch ein zweites an dem erwachsenen Herrn J. Redlich hinzugefügt.

Was aber fast noch schlimmer ist: Dieses Versäumnis dauerte Jahrzehnte an: Von deutscher Seite machte sich niemand die Mühe, den Aussagen J. Redlichs und dem Schicksal konkreter Kindern wie Gerda Kuschel endlich die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihnen so lange versagt blieb. Erst in den letzten Jahren haben sich umfassendere Aktivitäten in diese Richtung entwickelt.

 

Der in Amerika lehrende Soziologe Lutz Kaelber hat eine sehr informative Seite über die Heil- und Pflegeanstalten, darunter auch Lubliniec, erstellt, welche durch zahlreiche Fotos ein anschauliches Bild der Kinderfachabteilung vermittelt (Klicke hier). Das Projekt "Gedenkort T4" erinnert an viele Opfer und Orte der Euthanasie (Klicke hier). Das Buch "Die Belasteten" von G. Aly (2013) hat wesentlich dazu beigetragen, sich öffentlich an die Ermorderten als individuelle Personen zu erinnern. Eine der bewegendsten und zugleich historisch informativsten Arbeiten, speziell auf die Kinderfachabteilung in Lubliniec bezogen, hat K. Uzarczyk (2017) vorgelegt: "Der Kinderfachabteilung vorzuschlagen. The selection and elimination of children at the Youth Psychiatric Clinic Loben (1941-45)". Sie schildert nicht nur ausführlich die Lebensgeschichte mehrerer in Lubliniec getöteter Kinder sondern auch die Reaktionen der Eltern. Das Subjekt muss nicht in die historische Analyse eingeführt werden - denn es ist in ihr schon immer gegenwärtig. Wir haben es bloß scheinbar aus unserer wissenschaftlichen Betrachtung verdrängt. Es kommt also darauf an, es wieder bewusst anzuerkennen. Die Einführung des Subjekt wird so zu seiner Anerkennung.

 

Am Beispiel der in Lubliniec mit wissenschaftlicher Gründlichkeit organisierten Selektion und Ermordung von Menschen mit Behinderungen wird deutlich, dass es nicht ausreicht, die einzelnen Dokumente isoliert zu betrachten - beispielsweise die Krankenakten oder das Luminalbuch. Sie müssen wie ein Puzzle zusammengesetzt werden, um ein Situationsbild der Menschen, die dort aufeinander trafen, sichtbar zu machen.

Betrachtet man die Tötung dieser Kinder - wie im Dortmunder Ermittlungsverfahren - nur von der Täterseite aus, so scheint beispielsweise die täglich bei Gerda verordnete Dosis (die in den pharmakologischen Gutachten eine nicht ausreichend geklärte Rolle spielte) nicht tödlich zu sein: 2x 100mg. Wenn man jedoch ihre Krankengeschichte und andere Zeugenaussagen mitberücksichtigt, ergibt sich ein anderes Bild. Im Luminalbuch wurde jede Reihe mit den täglichen Dosierungen durch ein spezielles Zeichen am Todestag abgeschlossen. Erfolgte auch an ihm noch eine Tabletten-Verabreichung, so ist diese neben dem Todeszeichen in demselben Feld eingetragen. Schon ein grober Überblick über diese Todestage müsste stutzig machen. Nur sehr selten finden sich dort entsprechende Einträge. Die wenigen beweisen, dass sie grundsätzlich erfolgten, aber ihr weitaus überwiegendes Fehlen würde bedeuten: Die große Mehrzahl der Kinder starb ausgerechnet an solchen Tagen, an denen sie keine Luminal-Tabletten mehr verabreicht bekamen. Das scheint medizinisch absurd zu sein. Und dennoch könnte es genau den Tatsachen entsprechen. Kombiniert man nämlich diese scheinbare Absurdität mit der ernst genommenen Aussage von Herrn R. (Jerzy), so eröffnet diese den Blick auf einen möglicherweise entscheidenden, aber bisher nicht beachteten Zusammenhang: Am Todestag wurden die Tabletten abgesetzt und ersetzt durch die Injektion einer massiv erhöhten Luminaldosis mithilfe derjenigen Spritzen, die Jerzy stets kurz vor dem Versterben der Kinder beobachtet und beschrieben hat. Diese wurden nirgends dokumentiert. Deswegen konnten die Beschuldigten sie auch so entschieden abstreiten. Alle sonstigen Beobachter könnten einfach nur  aus Angst, selbst in Schwierigkeiten zu geraten, ein Unwissen oder Schweigen vorgezogen haben. Gerade diese Systematik in den Aussagen ist bezeichnend: Diejenigen, die sie vermutlich verabreicht haben, bestritten entschieden, dass Spritzen überhaupt verabreicht wurden, während diejenigen, welche lediglich als Beobachter in Frage kamen, deutlich zurückhaltender erklärten lediglich nichts davon zu wissen. Die ermittelnden Behörden schließlich zweifelten massiv an der Verwertbarkeit der Aussagen von J. Redlich. Aber er war der einzige von allen, der die gesamte Zeit über dort gewesen war.

In diesem Zusammenhang muss eine weitere Beteiligte im Gesamtgeschehen dargestellt werden: Die Oberflegerin Cäcile L. Wichtig sind nicht nur ihre Aussagen sondern auch die Umstände, die zu ihrer schrittweisen Zurücknahme führten, und die Wendung, die ihr Leben ab da nahm. Das System des Tötens verteilte und verschleierte perfide die Verantwortlichkeiten - in dieser Intention und Systematik dem Eindatz der Medikamente mit nicht unmittelbarer, aber insgesamt sicher tödlichen Wirkung auffallend ähnlich. Alle Kinder wurden auf der nach außen modernen jugendpsychiatrischen Abteilung A aufgenommen und diagnostiziert.  Sie wurde geleitet von der entschiedensten Betreiberin der Kinder-Euthanasie in Lubliniec, E. Hecker. Aber sie tötete nicht selbst die Kinder, sondern selektierte sie. Getötet wurden sie auf der Kinderfachabteilung B. Die dort handelnden hatten aber selbst keinen Kontakt zu der im nationalsozialistischen System entscheidenen Behörde, dem Reichsauschuss. Und auch der Akt des Tötens wurde in einem abgestuften System verteilt und verschleiert. Buchalik ordnete die genauen Dosierungen an und übermittelte diese an die Oberschwester. Diese musste stets eine Deutsche sein, damit die Einblicke der polnischen Schwestern in die genauen Medikationen erschwert wurden. Die Oberschester entnahm die Tabletten den Packungen und übergab diese an die Schwestern, welche diese dann in Flüssigkeiten aufgelöst an die Patienten ausgaben. Die in letzter Instanz tötend Handelnden wurden daran gehindert nachzuvollziehen, was sie taten und die über die genaue Art und Weise des Tötens entscheidenden, mussten nicht selbst handeln. Als in diesem System die Oberschwester ausgetauscht werden musste, wählte Buchalik C. Lagosch aus. Diese weigerte sich aber zunächst gegen die Versetzung auf diese Station, da sie gerüchteweise mitbekommen hatte, was dort geschah. Buchalik drängt sie jedoch zum Einverständnis mit der Aussage, er sei bei seinem Besuch in Berlin und Görden auch "überrumpelt" worden. Als Frau L. nach dem Krieg innerhalb der Ermittlungen gegen Buchalik und Hecker als Zeugin aussagen sollte, gab sie zunächst sofort zu, dass dort Euthanasie durchgeführt worden sei. Sie sei erleichtert, endlich über dies alles aussagen und sprechen zu können. Daraufhin verdeutlichten ihr die Ermittler mehrfach, dass man auch gegen sie selbst ermitteln müsse, wenn sie weiter aussage. Demzufolge nahm sie sich einen Anwalt, verweigerte erst weitere Aussagen und wurde anschließend tatsächlich ebenfalls als Beschuldigte in dem Ermittlungsverfahren geführt. Bei den diesbezüglich folgenden Vernehmungen, nahm sie ihr anfängliches Geständnis wieder zurück. Zeitgleich entwickelte sie Depressionen und verbrachte ihre letzten Lebensjahre schließlich selbst als Patientin in einer psychiatrischen Anstalt bei München. Hecker und Buchalik dagegen konnten lebenslang ihre Freiheit genießen und als Ärzte praktizieren. Frau Hecker erhielt sogar für ihre Verdienste um den Aufbau der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie das Bundesverdienstkreuz.

 

Aber zurück zu J. Redlich - Was ergibt sich, wenn man versucht, seine Aussage ernst zu nehmen, um Licht in das Dickicht des Tötens und das Verschleiern der Wahrheit zu bringen? Dann ergänzen sich die beiden Quellenbelege perfekt und stützen sich gegenseitig in ihrer Glaubwürdigkeit. J. Redlichs Hinweis auf die Spritzen, wird gerade dadurch bestätigt, dass sie die Lücken des Luminalbuchs erklären. Wir sind es ihm und allen ermordeten Kindern schuldig, endlich genauer hinzusehen, was ihnen angetan wurde. Bemüht man sich darum, so kann man eine bedeutsame Ausnahme entdecken. Diese betrifft Gerdas Todestag. An ihm findet sich in deutlicher Schrift neben dem Todeszeichen, aber in demselben Kästchen der Eintrag " 2 x 1 " (statt 2 x 0,1 wie an allen anderen Tagen).

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Auszug aus dem Luminalbuch: Die Einträge für Gerda

Ein Schreibfehler ausgerechnet dort, wo er einen Sinn ergibt, wäre nur mit einem doppekten Zufall zu erklären. Es spricht alles dafür, dass hier eine zweimalige Injektion von 1 g Luminal am Todestag doch korrekt protokolliert wurde. Sie würden Gerdas Tod bereits nach 8 Tagen medizinisch plausibler erklären und zugleich die absichtliche Tötung noch unbestreitbarer beweisen. Zugleich wäre damit Jerzys Aussage zu den Spritzen verifiziert. Damit wiederum sind auch die beiden deutschen Gutachten hinfällig, da sie die Möglichkeit der zusätzlichen Injektionen nicht einbezogen. Somit zeichnet sich jetzt ein anderes, noch raffinierter konstruiertes System des Tötens ab:

- Protokolliert wurden nur die isoliert betrachtet nicht zwingend tödlichen Luminal-Tabletten. Damit wurde ein schriftlicher Beleg mit einer potentiell sogar entlastenden Funktion erzeugt, den jene beiden Gutachter nach dem Krieg tatsächlich in diesem Sinne aufgriffen. Man muss sich doch die Frage stellen, warum es überhaupt gefunden und nicht - wie vermutlich viele weitaus umfangreichere Krankenakten - vernichtet wurde. Seine Diskrepanz zu den Eintragungen in den Krankenakten und die Überraschung seines Fundes erhöhte natürlich seine Glaubwürdigkeit ernorm. Vielleicht hätte man seiner Vollständigkeit mehr misstrauen und J. Redlich ernsthafter zuhören sollen!

- Aber auch die im Luminalbuch dokumentierten Luminal-Tabletten verursachten bereits in einem ersten Schritt eine massive Schwächung der Kinder und provozierten in vielen Fällen Infekte mit massiven Temperaturerhöhungen. Bei vielen Kindern werden auch sie allein eine tödliche Wirkung gehabt haben.

- Über die tägliche Visite passte Buchalik den individuell sehr unterschiedlichen Zeitpunkt ab, an dem 1-2 Spritzen mit einer erhöhten Dosis dann unmittelbar das Sterben der Kinder auslösten - zumindest bei manchen der Patienten.

Allerdings wäre speziell bei Gerda die Tötungsabsicht auch ohne die Beachtung der beiden Injektionen nachweisbar gewesen. Bei Kindern muss die Dosierung nicht absolut, sondern in Relation zum Körpergewicht bestimmt werden. Außerdem bestand bei ihr durch die Little`sche Erkrankung und den schlechten Ernährungszustand eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte. Geht man von einer therapeutischen Dosis von 6 mg /kg Körpergewicht aus, so hätte dies bei Gerdas Körpergewicht von 11,5 kg eine tägliche Dosis von knapp 70 mg ergeben. Tatsächlich verabreicht wurden aber 200 mg (2 x 0,1 g laut Luminalbuch). Dies wäre dann das Dreifache der therapeutischen Dosis gewesen. Zu dieser Einschätzung kam auch das Gutachten des polnischen Pharmakologen. Im Krankenblatt ist zudem vermerkt, dass Gerda bereits vier Tage vor ihrem Tod 40° C Fieber hatte. In dieser Situation verordnete Buchalik für drei weitere Tage die dreifache Menge der maximalen Dosis Luminal. Das kann man nicht mehr anders als eine absichtliche Tötung werten.

In einer Gesellschaft, in der es wieder Leute gibt, die behaupten, die Morde der Nazis seien erfunden, ist es wichtig jede Unklarheit der Beweislage zu beseitigen. So lange jene beiden deutschen Gutachten, die zur Einstellung des Ermittlungsverfahrens führten, nicht wiederlegt sind, überlassen wir es den rechten Demagogen, genau hier wieder mit dem Bezweifeln der Kinder-Euthanasie anzusetzen. Gerade wenn sie rationalen Argumenten kaum zugänglich sind, müssen wir sie umso entschiedener begründen und vertreten. Denn eines sollten wir endlich gelernt haben: Solche Tendenzen nicht rechtzeitig ernst genug zu nehmen oder zu schweigen wäre verantwortungslos.

Nun wird sich der eine oder andere Leser dieser Seite vielleicht fragen, was dies alles mit dem Thema dieser Seite, der Verstrickung V. v. Weizsäckers in die Kinder-Euthanasie, zu tun hat. Soll hier nur von seiner Mitschuld abgelenkt werden? Meine Antwort ist die folgende:

Vergegenwärtigen wir uns anhand der dargestellten Zusammenhänge so konkret wie möglich die Stationen von Gerdas Lebensweg. An welcher Stelle wäre überzeugend nachgewiesen, dass V. v. Weizsäcker eine Beihilfe zu ihrer Ermordung (Brumlik 2020) geleistet hätte? Ich kann keine erkennen. Nein, es ist gerade umgekehrt: Seine Beschuldigung als Beihelfer  trägt nur einmal mehr dazu bei, den Blick der Öffentlichkeit in eine falsche Richtung zu lenken, sich mit dem Leiden der Opfer nicht auseinandersetzen zu müssen, sowie die Schuld der Mörder auszublenden, indem man nur diejenigen in den Fokus rückt, bei denen ein öffentlicher Applaus der einen und ein empörter Aufschrei der anderen garantiert ist - vor allem, wenn man sie zu überzeugten Tätern mit einer menschenverachtenden Ideologie umdeutet. Dies alles rückt einmal mehr J. Redlich und G. Kuschel in den Hintergrund. Zusätzlich verschleiert es, dass eben nicht nur die aktiven, von der nationalsozialistischen Politik überzeugten Täter, sondern auch die innerlich alle Nazi-Verbrechen ablehnenden Dulder oder Schweiger Mitverantwortung tragen! Alle, die innerhalb des Ermittlungsverfahrens aussagten und mit Buchalik zugleich sich selbst entlasten wollten, hoben ausdrücklich dessen tiefe Religiosität als praktizierender Katholik hervor. Vielleicht ist es viel weniger unangenehm davon auszugehen, dass sie alle gelogen hatten und in Wirklichkeit überzeugte Nazis waren, als die Möglichkeit zuzulassen, dass er beides gewesen sein könnte: gläubiger Katholik und Mörder.

Betrachten wir also nochmals konkret Gerdas Leidensweg, dann sehen wir während jeder ihrer Stationen V. v. Weizsäcker als Akteur an ganz anderen Orten mit ganz anderen Interessen: In seinem Institut bei seiner Gestaltkreis-Forschung mit seinen Mitarbeitern. Man kann es noch drastischer formulieren: Während Gerda narkotisiert mit einer Nadel im Rücken vor dem Röntgenschirm liegt, mit dem E. Hecker ein für ihr Forschungsprogramm dringend gewünschtes Enzephalogramm aufnimmt, innerlich aber bereits ihre Tötung beschlossen hat, betrachtet Weizsäcker mit seinen Mitarbeitern Polyphäne Farben oder unternimmt Selbstversuche mit einfachen handwerklichen Tätigkeiten. Hat das nichts miteinander zu tun? Doch, natürlich: Auch in seinem völlig anders ausgerichteten Forschungslabor ist V. v. Weizsäcker zugleich und überall der verantwortliche Leiter seines Instituts. Und mehr noch: Vielleicht geht er ein paar Tage später hinüber zu Scherer, um mit ihm zu sprechen. Vielleicht liegt, als Weizsäcker dessen Zimmer betritt, auf dem Schreibtisch der Untersuchungsbericht von Gerda. Vielleicht äußert sogar Scherer bei dieser Gelegenheit, weil ihm dies gerade durch den Kopf ging - vorsichtig seine Bedenken, ob Gerda wirklich nur an einer Lungenentzündung gestorben ist? Das alles wissen wir nicht, aber es wäre möglich.

Mit anderen Worten: Wir dürfen nicht nur Anzahlen berechnen, wieviele Tote auf dem Friedhof in Lubliniec liegen, sondern müssen ihnen einen Namen und eine Stimme geben. Wir müssen wenigstens versuchen Ausschnitte aus ihrer Lebensgeschichte vor dem Vergessen zu bewahren. Wenn wir endlich den ersten unausweichlichen Schritt wagen: Den offenen und ehrlichen Blick auf das Leiden der ermordeten Kinder und aller diesbezüglich bedeutsamen Umstände, nur dann können wir auch die  Mitverantwortung V. v. Weizsäckers richtig sehen und bestimmen: Sein Wegsehen, Dulden und Schweigen angesichts des Leids und der Ermordung Gerdas, sowie der vielen weiteren Kinder, derer zu gedenken uns die Tafeln auf dem Friedhof in Lubliniec ermahnen.

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