Die Rekonstruktion des Leidenswegs der Kinder in Lubliniec

Diese Unterseite erfordert zwei Vorbemerkungen. Erstens wird hier nur ein bestimmter Lebensabschnitt der in Lubliniec getöteten Kinder geschildert. In ihrem Leben, wie kurz auch immer es gewesen sein mag, ereignete sich noch vieles andere. Leider wissen wir nichts oder nur wenig darüber. Wir können es allenfalls erahnen, wenn sich Eltern gegen die Unterbringung ihres Kindes in einer Anstalt gewehrt oder nach Besuchen dort Sorgen gemacht haben. Einige haben ihr Kind kurzerhand mitgenommen und ihm damit das Leben gerettet. In anderen Fällen wurden selbst diese Kinder zwangsweise erneut nach Lubliniec verbracht. Schließlich gab es auch Eltern, die nach dem Erhalt der Todes-Mitteilung nachfragten, warum ihr Kind so plötzlich verstorben ist. Alle diese Eltern haben die nationalsozialistische Ideologie durch ihr Handeln und Empfinden als entsetzlich fehlgeleitet entlarvt. Ihre Kinder bedeuteten ihnen nicht nur eine Belastung, sondern sie hatten einen unzerstörbaren Platz in ihrem Herzen. Deswegen sind die nachfolgenden Ausführungen alles andere als eine "Biographie". Sie beleuchten das Verbrechen, das ihnen angetan wurde - nicht die Freude, die sie gehabt und ihren Mitmenschen bereitet haben. Erst wenn wir das bedenken, können wir das unvorstellbar Grausame erahnen, das ihnen angetan wird, keinesfalls schweigen dürfen - ja mehr noch (denn der Streit um die Begriffe Integration und Inklusion ist nicht nur eine Wortklauberei): Sie sollten von Anfang an ihren Platz in der Mitte unserer Gesellschaft haben.

Bei V. v. Weizsäcker ist häufig von der Solidarität des Todes und der Teilhabe des Todes am Leben die Rede. In seinem Vorwort zur 2. Auflage des Gestaltkreises von 1946 betonte V. v. Weizsäcker die somit bestehende Übereinstimmung seiner These mit entsprechenden Aussagen in "L'etre et le néant" von J. P. Sartre (V. v. Weizsäcker, 1946, GS, Bd. 4, S. 85), welche er im Vorwort zur 4. Auflage nochmals ausdrücklich hervorhob (ebenda, S. 100). Diese Teilhabe des Todes am Leben wird nach wie vor zu selten bedacht, auch wenn die Hospizbewegung vieles in Gang gebracht hat, um eine vorschnell angestrebte Sterbehilfe durch Sterbebegleitung zu ersetzen. Durch sie wird angestrebt, den Tod nicht als Beendigung des Lebens möglichst zügig herbeizuführen, sondern auch das Sterben zu leben. Die nachfolgenden Ausführungen sollen jedoch vor allem dem Umgekehrten - und davon ist bei V. v. Weizsäcker vielleicht zu wenig zu lesen - Gehör verschaffen: Die Ermordung jener Kinder sollte uns an die Wertschätzung, die Lernerfahrungen und die Freude auf beiden Seiten erinnern, die wir heute im Umgang mit Kindern mit Behinderungen erfahren dürfen. Gemeinsam Leben -  gemeinsam Lernen, so heißt heute ein bundesweit aktiver Verein.

Zweitens sei an ein noch immer vorherrschendes Ungleichgewicht im Umgang mit der Kinder-Euthanasie erinnert - dem freilich auch diese Seiten unterliegen, dem aber mit dieser Unterseite wenigstens ein Stück weit entgegengewirkt werden soll: Es wird fast ausschließlich an die Täter erinnert - fast nie an die getöteten Kinder. Sie tauchen in den Berichten meist in Form von Statistiken und Anzahlen pro Einrichtung auf. Dahinter verbergen sich jedoch konkrete Menschen. Die möglichst konkrete Erinnerung an sie ist notwendiger denn je. Ich stimme G. Aly (2012, S. 9/10) ausdrücklich zu, dass wir nicht nur die Täter benennen und die Opfer verschämt anonymisieren, sondern ihre Persönlichkeit mit der Nennung ihres vollen Namen achten sollten.

Wie bereits erwähnt, wurde wegen der Tötung der Kinder in Lubliniec niemals auch nur ein einziger Arzt oder eine einzige Pflegekraft zur Rechenschaft gezogen. Das Dortmunder Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Dennoch sind die damals zusammengestellten Dokumente erschütternd und wurden bisher noch lange nicht hinreichend ausgewertet. Die Vernehmungen von E. Buchalik, E, Hecker und mehrerer Pflegekräfte wecken beim Lesen schon nach wenigen Zeilen den beunruhigenden Verdacht, da könne manches geradezu zynisch gelogen sein. Die hundertfachen Mörder ließen sich als aufrechte Katholiken darstellen. Ihnen steht jedoch die Aussage eines Überlebenden gegenüber, der das Leid der Kinder in einfacher, klarer Sprache - aus dem Polnischen ins Deutsch übersetzt - offenlegte. Es macht ratlos, um nicht zu sagen zornig, dass diese Stimme nicht ernster genommen und als unumstößlicher Beweis der Verbrechen anerkannt wurden. Ich stelle hier mehrere Aussagen gegenüber und gewähre mit Absicht der Stimme des Betroffenen den Vorzug und den größeren Umfang. Auch die Angehörigen der ermordeten Kinder sind viel zu selten ausfindig gemacht und befragt worden - oder diejenigen Aussagen, welche die Polen festgehalten haben, wurden in Deutschland ignoriert. So ist es in jüngerer Zeit wiederum eine polnische Arbeit gewesen, die endlich auch die Schicksale einzelner Kinder und ihrer Eltern ausführlicher berücksichtigte (K. Uzarczyk, 2017). Unter den Pflegekräften gab es immerhin solche, denen eine ehrliche Aussage, selbst wenn sie damit sich selbst belasteten, wichtig war. Auch dies sollte uns zu denken geben.


Jerzy Redlich

"An Jerzy entsinne ich mich gut, da er die ganze Zeit über auf der Abteilung "B" weilte. Er war ein ruhiger, anhänglicher und folgsamer Knabe. Im Verhältnis zu den anderen Knaben machte er einen normalen Eindruck, nur beim Sprechen stotterte er. Er sprach deutsch."

(Aussage einer Pflegekraft, übermittelt durch die Bezirkskommission zur Untersuchung Hitlerischer Verbrechen in Kattowitz, Akt.Z. Ds.-34/67)

Jerzy hat überlebt. Er wurde durch eine entfernt mit ihm verwandte Pflegekraft gegen die Luminalgaben geschützt. Er hat alles, was sich auf jener Kinderabteilung B ereignete - die Ermordung so vieler Kinder - mit unbestreitbar klarem Bewusstsein  erlebt und in Form von präzisen Erinnerungen in sich bewahrt. Er war ein Zeitzeuge von unschätzbarem Wert. Insbesondere seine ausführliche Aussage wurde in Deutschland bis heute nicht einmal annähernd ernst genommen und in ihrer Bedeutsamkeit gewürdigt. Sie vermag noch heute seinen ermordeten Spielkameraden eine Stimme zu verleihen. Und sie durchbrach das Leugnen oder Beschönigen der Täter-Aussagen, die sich gegenseitig entlasteten. Jerzys Worte gehören in unsere Geschichtsbücher. Zum Zeitpunkt seiner Aussage war er im Besitz eines Führerscheins, arbeitete als Fahrer, war verheiratet und hatte zwei Kinder.

In die Anstalt nach Lubliniec wurde er nach dem frühen Tod seines leiblichen Vaters im Krieg und nachdem seine Mutter einen SS-Mann geheiratet hatte, eingeliefert. Dieser fuhr ihn kurz darauf nach Lubliniec und lieferte ihn dort ab.

"Im Zeitpunkt meiner Unterbringung in der Anstalt war ich bereits über 9 Jahre alt und sämtliche Einzelheiten meines Aufenthalts in dieser Anstalt sind mir in meinem Gedächtnis fest eingeprägt haften geblieben. Ich weiß, dass in dem Saal, in dem ich untergebracht war, über 30 Kinder deutscher und polnischer Nationalität sich befanden. Ich sprach damals nur deutsch, da ich in Kreuzburg 2 Klassen Volksschule mit gutem Ergebnis besucht hatte. Ich selbst und auch die anderen nur deutsch sprechenden Kinder konnten uns mit den anderen im Saal weilenden und nur polnisch sprechenden Kindern nicht verständigen, wir spielten aber zusammen.

In sämtlichen Sälen unserer Abteilung, die meiner Erinnerung nach Abteilung "B" genannt wurde, weilten gleichzeitig etwa 200 bis 250 Kinder, wobei ich bemerke, dass ständig Veränderungen eintraten, da manche Kinder starben und an deren Stelle neue Kindertransporte aus deutschen und polnischen Gebieten eintrafen. Die Sterblichkeit unter den Kindern war groß und betrug durchschnittlich ab 5 Kinder täglich. Einmal starben an einem Tage meiner Erinnerung nach 15 Kinder.

In der Abteilung "B" befanden sich Kinder im Alter von 5 - 14 Jahren; die meisten waren aber 7-9 Jahre alt. Alle Kinder erhielten gewöhnlich jeden zweiten Tag irgendwelche weiße Tabletten in runder Form [dies ist vermutlich ein Übersetzungsfehler und müsste eigentlich täglich zweimal bedeuten], die in Wasser oder Tee aufgelöst wurden. Diese Tabletten wurden meistens jeweils am Tage gegeben und nach dem Genuss derselben wurden die Kinder schwach, schläfrig und wankten stark hin und her.

Diese Tabletten erhielten die Kinder in der Regel zwei bis drei Monate und dann bekamen sie Spritzen in die Waden. Zwei Stunden nach der Spritze fielen die Kinder zu Boden und erbrachen sich sehr stark, aber es war ihnen nicht gestattet sich ins Bett zu legen. Sie konnten sich nur noch in den Raum begeben und auch dabei habe ich und die anderen noch stärkeren Kinder ihnen geholfen.

Sehr oft sind die Kinder bereits unterwegs gestorben und sie wurden von uns d.h. durch mich und die anderen noch stärkeren Kinder in den Waschraum getragen. Von hier holte sie später das Krankenhauspersonal ab und verlud sie auf einen Pferdewagen [exakt dieser Waschraum wurde auch von einer Pflegekraft als Ort, an dem die verstorbenen Kinder gesammelt wurden, angegeben].

Nach Erhalt der durch mich bereits oben erwähnten Spritzen sind die Kinder meistens bereits nach zwei Stunden verstorben.

Ich entsinne mich genau an den Krankenhausdirektor Dr. Buchalik, der zweimal täglich in unserem Saal Visite machte und sich die Kinder angesehen hat und zwar sehr genau. Wenn ein Kind besonders lebhaft und verspielt war, befahl Dr. Buchalik der Pflegerin die weißen Tabletten [zu] verabreichen, worauf die Kinder schläfrig wurden und hin und her zu schwanken begannen.

Ich weiß genau, dass keines der Kinder, die dort verstorben sind, länger als zwei Monate in dieser Anstalt waren.

Ich entsinne mich genau, dass es im Jahre 1944 war, als ich gemeinsam mit anderen Kindern in dem zur Anstalt gehörenden Garten jätete. An diesen Garten grenzte der Anstaltsfriedhof an und dazwischen befand sich kein abgrenzender Zaun. Nach einiger Zeit erschienen auf diesem Friedhof in unserer Nähe irgendwelche Kriegsgefangene, von denen man sagte, es seien Engländer und begannen eine große und tiefe Grube auszuheben. Nach dem Ausheben der Grube kam ein großer Wagen vorbeigefahren, auf dem sich drei große Kisten befanden. Aus denselben wurden mindestens 30 größere tote Kinder herausgeschüttet, worauf die Kriegsgefangenen die Grube wieder zuzuschütten begannen und die Kisten wieder abgefahren wurden. Alles dies sah ich aus allernächster Entfernung und zwar solcher von einigen Schritten. Damals war ich bereits 11 Jhre alt.

Vom gesamten Personal der Anstalt erinnere ich mich noch außer Dr. Buchalik, der mehrfach von den Kindern auf der Abteilung "B" als von "den kleinen Banditen" oder "Polnischen Schweinen" sprach, noch an,,,,,,,

Das Anstaltspersonal in Lublinitz erwies in keinerlei Hinsicht irgendwelche Herzlichkeit, irgendwelches Gefühl oder Empfinden, sondern behandelte uns roh und rücksichtslos."

(Aussage Jerzy, AZ: Ds.-34/67)

"Meiner Erinnerung nach habe ich Herrn Dr. Buchalik bereits vor 1939 in der damaligen Landesheilanstalt Tost/ Oberschlesien kennengelernt. Während seiner Amtszeit in Lublinitz bin ich häufig aus Anlass meiner Besuche mit ihm zusammengekommen. Er ist ein überzeugter Katholik. Aufgrund seiner starken religiösen Überzeugung und seiner Mentalität halte ich es für völlig ausgeschlossen, dass er an der Tötung von geisteskranken Patienten in irgendeiner Weise beteiligt war. Ich habe auch niemals etwas davon gehört, dass in Lublinitz oder in irgendeiner anderen Landesheilanstalt meines Amtsbereiches Geisteskranke getötet worden sind."

(Aussage eines ehemaligen Landeshauptmann des Provinzialverbandes Oberschlesien mit Sitz in Kattowitz, AZ. 45 Js 8/65)

Der bewegende Bericht Jerzys ist auch historisch bedeutsam. Er verweist darauf,

- dass jene Kinderfachabteilung B eine reine Tötungs-Station und die Abteilung A eine reine Diagnostik-Station waren, auf denen keinerlei psychiatrische Therapie erfolgte (dies bestätigte die Aussage der Assistenzärztin Dr. med. H. Stanjek, AZ 45 Js 8/65, Buch 2). Auf die Kinderfachabteilung B wurden ausschließlich die zuvor zur Tötung selektierten Kinder verlegt. Sie erhielten unmittelbar Luminal in überhöhten Dosierungen mit dem Ziel ihren Tod nach spätestens 2-4 Monaten herbeizuführen.

- dass E. Buchalik sich täglich genau über den Gesundheitszustand der Kinder informierte und die Dosierungen des Luminal individuell so regulierte, dass sie die gewünschte Wirkung erzielten: Eine sich über Wochen und Monate hinziehende massive Schwächung der Kinder.

- dass die Tötung häufig in zwei Phasen erfolgte. Zunächst wurden Luminal-Tabletten verabreicht, meist mit 2 x 0,1 g täglich beginnend. Dann bestimmte E. Buchalik exakt den weiteren Verlauf, sowie den individuell passenden Zeitpunkt, an dem die eigentliche Tötung - falls notwendig durch eine Erhöhung der Luminal-Dosierungen - erfolgte. Sie lösten offensichtlich in den bereits stark geschwächten Kinder-Körpern den Tod durch die bereits mit starkem Fieber ausgebrochene Lungenentzündung oder ein Herz-, Kreislauf- oder Nierenversagen aus.

- dass die Kinder in dieser zweiten Phase innerhalb weniger Stunden verstarben.

- dass jenes Luminal-Buch möglicherweise nur einen Teil des medikamentösen Tötungsprogramms dokumentiert. Bereits D. Moska (1975) vermutete ein Forschungsinteresse Buchaliks im Zusammenhang mit der Tötung der Kinder: "Dionizy Moska suggested that the children served as experimental subjekcts to test the endurance and physiological response to various quantities of luminal before they were given a lethal shot." (K. Uzarczyk, 2017, S. 194f). Dies würde bedeuten, dass auch E. Buchalik mit dem Luminalbuch und den täglich zweifachen Visiten eine Art separates Forschungsprogramm verfolgte. Dieser Hinweis sollte unbedingt geklärt werden. Aber auch er verweist auf die besondere Bedeutung der Aussagen von Jerzy R.

- dass auf dieser Station ein derart hoher "Durchlauf" bestand, dass möglicherweise insgesamt weitaus mehr Kinder getötet wurden, als bisher aufgrund der erhalten gebliebenen Akten nachweisbar ist. Auch diese Aussage Jerzey Redlichs wird durch diejenige der polnischen Pflegekraft A. Warzecha, bestätigt: "Die Kinder starben fast täglich" (Dortmunder Staatsanwaltschaft AZ 45 Js 8/65, Buch 2). Immerhin wurden ganze Anstalten, beispielsweise Branitz, aufgelöst und die Kinder zu erheblichen Anteilen nach Loben in die Jugendpsychiatrie verlegt. Dort wurden sie diagnostiziert und dann an andere Anstalten weiterverwiesen oder umgebracht. Es ist davon auszugehen, dass vor dem Einmarsch der Russen, sowie durch die russischen Truppen  größere Aktenbestände vernichtet wurden.

 

 

Gerda Kuschel

Gerda wurde am 27.5.1939 in der Landesfrauenklinik in Gleiwitz geboren. Sie befand sich im Mutterleib in Steisslage und kam als Frühgeburt, bereits im 7. Monat der Schwangerschaft, zur Welt. Ihre Mutter war alleinstehend und arbeitete als Haushaltshilfe. Der leibliche Vater war Landwirt. Nach zwei Monaten gab die Mutter Gerda zu einer von ihr namentlich benannten Frau in Pflege. Bei dieser lebte sie die nächsten zwei Jahre, also vermutlich bis etwa Juli oder August 1941. Anschließend wurde sie in das "Krüppelheim Beuthen" aufgenommen. 

 
Beuthen Krüppelheim.jpg

Postkarte des "Krüppelheims" in Beuthen (Oberschlesien)

Hierbei handelte es sich um ein ausgelagertes Heim des Hl. Geist Krankenhauses in Beuthen und damit einer Einrichtung der Caritas. Wahrscheinlich veranlasste dieses die Untersuchung durch einen Gleiwitzer  Medizinalrat - möglicherweise auf dem Gesundheitsamt. Er füllte einen ärztlichen Fragebogen zum Aufnahmegesuch in eine Heil- und Pflegeanstalt aus und beschrieb darin, dass Gerda weder sitzen noch laufen könne, noch nicht sauben sei und nichts spreche. Seine Diagnose lautete Little'sche Erkrankung. Auffallend ist, dass er - trotz des Geheimerlasses - keine Meldung an den Reichausschuss veranlasste, wozu eigentlich verpflichtet gewesen wäre. Gerda wurde noch am 16.12.1941 aufgrund der festgestellten Pflegebedürftigkeit in die Heil- und Pflegeanstalt Branitz eingewiesen, obwohl sich diese bereits kurz vor ihrer Auflösung befand. Daher wurde Gerda bereits am 27.01.1942 weiter nach Loben überwiesen.

Nun lief  auf der Kinderabteilung A das von E. Hecker geführte, umfassende, Diagnoseverfahren an. Der Mutter wurde noch eine kurze Nachricht übermittelt, Gerda gehe es gut. Sie habe leider keine geistigen Fortschritte gemacht, was allerdings auch nicht zu erwarten gewesen sei. Gerda müsse gefüttert und in allem pflegerisch versorgt werden. Zusätzlich wurde das Einverständnis zu einer "Röntgenuntersuchung des Gehirns" - wahrscheinlich lediglich auf schriftlichem Wege eingeholt (Gleiwtz ist fast 200 km entfernt und die Einwilligung ist mit einem Eingangsstempel versehen).

Am 07.07.1942 zeichnete E. Hecker bei Gerda ein Encephalogramm auf. Da Gerda zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt war, ist davon auszugehen, dass E. Hecker die Untersuchung unter Narkose sowie über eine Lumbalpunktion durchführte. Damit dürften die Untersuchungsbedingungen für Gerda in etwa denjenigen des Kindes auf dem Foto unten entsprochen haben.

Kind bei Encephalogramm lumbal.jpg

Narkotisiertes Kleinkind während der Encephalographie; am Rücken ist die Nadel für die Lumbalpunktion zu sehen, seitlich neben dem Kopf die Röntgenplatte und am Mund der Schlauch zur Beatmung; G. Klinda, 2010, S. 38

Das Ergebnis dieser aufwendigen und für Gerda schmerzhaften Prozedur war dürftig.

 

" 25 ccm Liquor abgelassen, 20 ccm Luft eingeblasen und zwar fraktioniert.

Frontal: der rechte Ventrikel ist nicht gefüllt, der linke ist in seiner äußeren Grenze erweitert. Lateral: ist nicht zu verwerten"

(E. Hecker, Encephalogramm bei Gerda Kuschel vom 07.07.1942)

Wie empfindungslos für das Leid eines Kindes musste eine Ärztin sein - und wie fixiert zugleich auf die Verfeinerung einer von ihr bevorzugten wissenschaftlichen Untersuchungsmethode -, dass sie Gerda diese Schmerzen zufügte, obwohl sie ihre Tötung bereits beschlossen hatte und wusste, dass der hirnpathologische Untersuchungsbericht die weitaus genaueren Ergebnisse liefern würde als diese zusätzliche und selbst innerhalb des mörderischen Forschungsprojekts völlig sinnlosen Untersuchung.

Loben Abteilung B.jpg

Kinderfachabteilung B der Heil- und Pflegeanstalt Loben

 

Spätestens am 27.10.1942 wurde Gerda auf die Kinderfachabteilung B verlegt. Diese befand sich ebenfalls auf dem Klinikgelände, aber in einem separaten Gebäude auf dem Klinikgelände. Bei Gerda ist aber auch die genaue zeitliche Abfolge bemerkenswert. Erst zwei Tage später, am 30.10.1942, erfolgte die Meldung an den Reichsausschuss. E. Hecker verwendete darin die Bezeichnung "ganz tiefstehender Idiot".

Diese zeitliche Abfolge belegt, dass bereits vorher, lediglich aufgrund der Einschätzung von E. Hecker, mit der Tötung begonnen wurde und man sich also in Lubliniec generell an die Freigabe durch den "Reichsausschuss" nicht gebunden fühlte, sondern aufgrund der Diagnostik vor Ort eigenmächtig über Leben und Tod eines Kindes entschied. Bereits an jenem 27.10.1942 findet sich der erste Eintrag im Luminalbuch unter Gerdas Namen. Da sie ohnehin körperlich geschwächt und noch so klein war (die Little'sche Erkrankung ist mit einer erhöhten Infektanfälligkeit verbunden und Gerda wog nur 11,5 kg), ging nun alles sehr schnell. Bereits 8 Tage später, am 4.11.1942, starb Gerda.

Gerda wurden täglich 2x 0,1 g Luminal-Tabletten verabreicht. Die letzten 4 Tage wurde eine Temperatur von 40° C gemessen. Am letzten Tag lautet der Eintrag eindeutig "2 x 1". Es ist also möglich, dass hier die Dosierung zweier Luminal-Spritzen zur beabsichtigten Tötung Gerdas im oben beschriebenen, mehrfach geschwächten Zustand aufgezeichnet wurden. Als Todesursache wurde eine Lungenentzündung in die Krankenakte eingetragen. Nicht einmal die Mutter sondern den inzwischen scheinbar offiziell als Vormund bestellten Oberbürgermeister von Gleiwitz verständigte E. Hecker am 23.11.1942 mit einer dreizeiligen Kurz-Mitteilung von Gerdas Tod.

Wann E. Hecker die Obduktion durchführte, ist unsicher. Jedenfalls erst einen Monat später, am 4.12.1942 versendete sie das entsprechende Präparat mit einer Zusammenfassung der Krankengeschichte aus Branitz an das Neurologische Forschungsinstitut Breslau. Der neuropathologische Untersuchungsbericht ist von H. J. Scherer unterschrieben, aber undatiert. Er listet zahlreiche gravierende neuropathologische Veränderungen auf. Scherer vermutet zwei "verschiedene Reihen von Veränderungen": eine bereits im Embyonalleben entstandene Entwicklungsstörung im rechten Frontallappen und einen Zerstörungsprozess, der sich in beiden Großhirnhemisphären zur Zeit der Geburt oder in frühester Kindheit entwickelt haben könnte.

Wo genau Gerda begraben wurde, ist unbekannt. Der Friedhof der Lobener Anstalt ist aber erhalten. Auf ihm wurde eine Gedenktafel für alle dort getöteten Kinder angebracht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde auch Gerda irgendwo hier begraben.

Loben Friedhof 02.jpg

MOGIlA 194 DZIECI OFIAR EKSPERYMENTU PRZEPROWADZONEGO PRZEZ HITLEROWCÓW W LATACH 1942-1944 W SZPITALU DLA NERWOWO I PSYCHICZNIE CHORYCH W LUBLIŃCU. POZOSTANĄ W NASZEJ PAMIĘCI.

(Gedenkstätte auf dem Friedhof der Klinik in Lubliniec. Übersetzung der Inschrift auf der Platte vor dem Kreuz: "Grab für die 194 Kinder, die Opfer von Experimenten der Nazis in den Jahren 1942-1944 im Krankenhaus für psychisch Kranke in Lubliniec geworden sind. Sie werden uns in Erinnerung bleiben."