Sozialmedizin und Situationstherapie (Arbeitstherapie)

 

V. v. Weizsäcker kritisierte in seinen sozialmedizmischen Schriften zu Beginn der 30er Jahre mehrfach die Einbindung der ärztlichen Tätigkeit in die kapitalistische Produktionsgesellschaft. Auf dieser These basierte seine Kritik des Sozialversicherungssystems, dem er die Forderung nach Sicherung entgegensetzte:

 

"Durch die Sozialversicherung ist die ärztliche Handlung letzten Endes dem Rentabilitäts- und Produktivitätsprinzip der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eingereiht worden, und man könnte sagen:  an diesem Stück der Ausdehnung dieser Wirtschaftsordnung zerbricht sie auch. Was für die Gründungszeit nur halbdeutlich war, ist heute offenbar: Sozialversicherung ist halb Sozialpolitik, halb Wirtschaftspolitik. Und der Arzt ist im Kreisprozesse von Arbeit, Güterproduktion, Wirtschaft, Staat und zurück zum Arbeiter an wenig sichtba­rer und doch integrierend wichtiger Stelle eingefügt. Seine überlieferte Mission, zur Gesundheit zu helfen, wurde eingepresst in die fremde Form: arbeitsfähig zu machen. Und darüber hinaus: nicht nur Diagnose zu stellen, sondern Arbeitsfähigkeit zu beurteilen. .. Von dieser gegenwärtigen Unvollziehbarkeit eines guten ärztlichen Dienstes im Gefüge des kapitalistischen Produktionsprozesses her sind alle die besonderen Mißstände des Beurtei­lungsdienstes letzten Endes abzuleiten"

(V. v. Weizsäcker, 1932, GS Bd. 8, S. 129).

 

Innerhalb der Neurosentherapie hielt er demzufolge jeden einseitigen Appell an den Willen des Patienten für verfehlt:

 

"Dabei wehren wir aber von vomeherein drei Auffassungen oberflächlicher und inhumaner Art ab: die, es handle sich darum, dass die Versicherung zur Simulation anreize, die, dass sie zum Rentenbegehren, zum Leben ohne Arbeit verführe und verweichliche, und die, dass Unsicherheit des Lebens schlechtweg gesünder sei als Sicherheit"

(V. v. Weizsäcker, 1933, GS, Bd. 5, S. 319).

 

Diesen Satz formulierte V. v. Weizsäcker 1933 in eben jener Heidelberger Vorlesung, die auch seine Forderung nach einer "ärztlichen Vernichtungsordnung" enthielt. Aus ihm wird ebenfalls erkennbar, dass sein gedanklicher Kontext in diametralem Gegensatz zur Politik und Ideologie der Nationalsozialisten stand. Seine Kritik der sozial bedingten neurotischen Fi­xierung des sogenannten 'Unfall- bzw. Rentenneurotikers' auf meist aussichtslose Rechtsansprüche etwa im Sinne einer frühzeitigen Berentung bedeutete alles andere als einen Anschluß an die politische Rechte. Diese Rechtsneurose - den Begriff " Rentenneurose" lehnte er ab - war nach seiner Ansicht "nicht nur Erkrankung eines individuellen Menschen" (V. v. Weizsäcker, 1949, GS , Bd.1, 279), sondern "Ausdruck eines krankhaften Zustandes der menschlichen Gesellschaft, näm­lich der pathologischen Verrechtiing einfacher Lebens Verhältnisse" (ebenda, S. 278). Diese ausdrücklich die sozialpolitischen Missstände mit einbeziehende Definition der 'Rechtsneurose' führte V. v. Weizsäcker zu einer zwar nicht weiter ausgeführten, aber bemerkenswert deutlich in marxistischer Begrifflichkeit formulierten Kapitalismuskritik:

"Und in diesem Sinne hat doch die besondere Auswirkung in der Sozialversicherung mit dem politischen System von Rechtsstaatlichkeit, Kapitalismus und Klassenstaat eine Form gemein, die naturrechtliche Grundform der Verrechtung und Versachung von Arbeit und Gesundheit"

(V. v. Weizsäcker, 1933, GS, Bd. 5, S. 321).

Diese Kapitalismus-Kritik V. v. Weizsäckers war keine vorübergehende Phase oder einmalig zugespitzte Formulierung. Die Parallelität zwischen den alle Natur- und Körpervorgänge mithilfe des Energiebegriffs quantifizierenden Naturwissenschaften einerseits und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die jeden qualitativen Gebrauchswert eines Gegenstands umdefiniert in einen rein quantitativ bemessenen Tauschwert andererseits, zog sich wie ein nur selten explizit erwähnter, aber im Hintergrund immer mit bedachter, roter Faden durch seine Schriften. So ist es keineswegs verwunderlich, dass V. v. Weizsäcker nach dem Krieg ganz grundsätzlich formulierte:

"Da Macht, Geld und Wissenschaft aber in einem Konnex stehen, wie die drei Seiten eines Dreiecks, so kann niemand eine der drei Seiten zerschlagen, ohne die beiden anderen zu zerschlagen. Die naturwissenschaftliche Medizin ist also ganz präzise diejenige, welche mit der Machtordnung der bürgerlichen Gesellschaft und mit der Geldordnung, die Marx den Kapitalismus nannte, steht und fällt."

(V. v. Weizsäcker, 1948, GS, Bd. 7, S. 270)

 

Weizsäckers Kritik bezog sich also keineswegs auf eine übermäßige Inan­spruchnahme der Rechte des Arbeiters, sondern auf die Überschätzung des Rechtsweges selber - der den Versicherten nicht ausreichend vor Not sicherte:

"Ich war geneigt, diese Überschätzung des Rechtsweges als ein Geschenk des älteren Libe­ralismus an den Sozialismus anzusehen."

(ebenda, S. 279)

Schließlich wollte Weizsäcker keineswegs das Sozialversicherungssystem ab­schaffen und durch einen psychotherapeutisch verkleideten Arbeitszwang er­setzen. Statt einer nur unzureichenden Versicherung forderte er vielmehr die Sicherung auch gegen unverschuldete Not:

 

“Die Arbeitslosigkeit war ebenfalls ein Bedürftigkeitsfall, für den dann freilich die Ar­beitslosenversicherung geschaffen wurde. Deren Sätze blieben auf der Höhe des sogenann­ten Existenzminimums, das aber in den meisten Fällen ein Nichtexistenzminimum war. Es gab keine Versicherung gegen unverschuldete Not, und das nahm dem stolzen Gebäude der deutschen Versicherung doch seinen sozialen Hauptwert, nämlich eine Sicherung zu sein und ein Gefühl der Sicherheit in den Volksmassen zu erhalten."

(ebenda, S. 268).

Sicherung statt Versicherung (d.h. Verrrechtung und Versachung von Arbeit und Gesundheit einschließlich ihrer neurotisierenden Wirkung auf das Indivi­duum): darum ging es Weizsäcker bei seinem Bemühen um eine so­zialpolitische Reform!

Dass Weizsäcker keineswegs nur eine möglichst schnelle Wiedereingliederung des Patienten in den Arbeitsmarkt anstrebte, verdeutlicht seine Einführung des Begriffes "Situationstherapie" anstelle desjenigen der "Arbeitstherapie". Über die Situationstherapie führt er aus:

"Es wird nützlich sein, auch die Unterschiede unseres Verfahrens gegenüber dem in der privaten Psychotherapie verschiedener Schulen geübten nochmals herauszustellen. Das erste ist die Benutzung eines gemeinsamen Lebens in der Abteilung der Klinik zur Erzielung ge­wisser Gemeinschaftserlebnisse... Das zweite ist die reichliche Einbeziehung der Umwelt zur Herstellung therapeutisch günstiger Situationen in Anwesenheit des Arztes: nicht vorstellungsmäßig, sondern in der Wirklichkeit des äußeren Raumes reproduzierte analoge Si­tuationen auf dem Gerüst, in der Bahn... Das dritte ist die (im Gegensatz zu Freuds Ratschlag) möglichst vollständig erstrebte Beeinflussung der Personen und Verhältnisse, mit und in denen lebend der Kranke seine Neurose gebildet hat. Ich habe... diese Kombination als Dreieck (Arzt-Patient-Situation) bezeichnet und den Ausdruck Situationstherapie dafür gebraucht in der Annahme, daß eine Abgrenzung gegen reine Psychotherapie erwünscht ist."

(V. v. Weizsäcker, 1930, GS, Bd. 8, S. 51f).

Kurz gesagt: Weizsäcker wollte nicht den Patienten einer fraglos akzeptierten sozialen Wirklichkeit anpassen, sondern zugleich die Beseitigung pathogener Umwelt- oder Arbeitsbedingungen erreichen. Weizsäckers Medizinkritik führte stets zu einer Einführung sowohl des Subjekts als auch der sozialen Wirklich­keit in die Pathogenese und Therapie.

Mit dem Ausdruck "Situationstherapie" wollte Weizsäcker begrifflich klar­stellen, dass bei einer "Rechtsneurose" nicht lediglich die Arbeitsfähigkeit eines Individuums gemindert, sondern eine Situation (und das hieß zwangsläufig auch die nach kapitalistischen Maximen organisierten, entfremdeten Arbeits­bedingungen) pathogen wirksam sei. Daher habe auch die Therapie nicht allein an der Leistungsfähigkeit des Einzelnen, sondern ebenso an der Umgestaltung der Arbeitsbedingungen anzusetzen:

"Diese etwas abstrakte Ableitung wird sogleich eine andere Beleuchtung erfahren; wenn man sich klar macht, daß es sich bei dem Kampf, den der Kranke mit Gesellschaft, Staat und so weiter oft um seine Arbeitsfähigkeit zu kämpfen hat, in Wahrheit kein Kampf um ein Quantum, sondern um den Inhalt und die Verwendungsart der Arbeit ist"

(V. v. Weizsäcker, 1948, GS, Bd. 8, S. 254).

Es ist kennzeichnend für Weizsäckers illusionäre Hoffnungen, dass er selbst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten meinte, unter den damaligen politischen Verhältnissen Anregungen geben zu können, die allgemeinen Ar­beitsbedingungen zu humanisieren. Offensichtlich hoffte er, ärztliche Richtli­nien hierfür entwerfen zu können, deren konkrete Umsetzung jedoch den da­maligen "Sozialpolitikem" überlassen zu dürfen. Auch bleibt Weizsäckers Kritik an jenen Arbeitsbedingungen meist allgemein. Es gibt kaum Stellen in seinen Schriften, an denen er sie konkret beschreibt.

Die reine Tatsache jedoch, daß Weizsäcker Patienten behandelt hat, die infolge sozialer Mißstände eine mit Arbeitsunfähigkeit verbundene Neurose entwickelt hatten, wird ihm niemand ernsthaft vorwerfen wollen. Immerhin bestand das von ihm erstrebte Ziel der Situationstherapie nicht lediglich in der Wiederauf­nahme der Arbeit, sondern in der Befreiung des Patienten von seiner Neurose.

"Ich betone ferner, daß das Ziel der Therapie nicht die 'Sozialisierung', nicht die Wieder­aufnahme der Arbeit ist, sondern dass der Kranke wieder ohne Hilfe leben, wieder arbeiten kann. Ob er es tut, ist seine Sache."

(V. v. Weizsäcker, 1930, GS, Bd. 8, S. 75).

Und natürlich war V. v. Weizsäcker klar, dass auch der erfolgreich therapierte Arbeiter nicht wirklich frei entscheiden konnte ob und unter welchen Arbeitsbedingungen er tatsächlich wieder arbeiten würde.

"Eine weitere Überlegung ist aber ein sehr starkes Argument für einen Angriff auf die überlieferte Medizin, Wenn sich diese in eine Gesundheitsfabrik vollends verwandelt, dann ist das Produkt eine Fertigware, mit der der Käufer anfangen kann, was er will. Er kann dies aber meist nicht, weil Wirtschaft, Staat, Wehrdienst seine Arbeitsfähigkeit für ihre Ab­sichten verwenden und diese Verwendung auch mit besonderen Gesetzen erzwingen. Der mit Arbeitsfähigkeit gleichgesetzte Begriff der Gesundheit schließt also ein, daß die Ge­sundheit etwas beliebig Verwertbares sei. Damit wird nun der Gesunde aber von der Mit­wirkung an dem Zweck des Arbeitslebens ausgeschlossen. Jene Gesundheitsfabrik aber wird zum Handlanger des ganzen Verfahrens."

(V. v. Weizsäcker, 1948, GS Bd. 7, S. 289).

 

Den “Kampf" zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wollte er “nicht schlichten, sondern ihm Niveau und gesunde Kämpfer verschaffen” (ebenda, S. 49). Der so verstandene therapeutische Einsatz für eine Gesundung des Pati­enten mag unter den damaligen politischen Verhältnissen eine gefährliche Illu­sion gewesen sein. Unter heutigen Umständen jedoch stellen Weizsäckers In­tentionen den interessanten Versuch dar, dem konkreten Einzelnen zu helfen, um gleichzeitig die Voraussetzung für eine effektivere politische Arbeit und den Widerstand gegen inhumane Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die gene­relle Formel: 'Therapie — Anpassung an soziale Mißstände - ist nicht nur sim­plifizierend, sondern falsch, Therapie und die Kritik ausbeuterischer Arbeits-Verhältnisse schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sind erst einander ergänzend sinnvoll. Die Probleme, die V. v. Weizsäcker in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beschrieb, sind nach wie vor aktuell und ungelöst.

 

"Kurz zusammengenommen war mein Gedanke: die Versicherung muß nicht von der Ursache, sondern von der Wirkung des Schadens ausgehen und der Sinn darf nicht Versicherung, sondern Sicherung sein. Es soll überhaupt nicht mehr gefragt werden, welchen Rechtstitel jemand geltend machen kann, sondern ob und in welchem Maße er hilfsbedürftig ist."

 

(V. v. Weizsäcker, 1949, GS, Bd. 1, S. 269).