H. J. Scherer - zur außergewöhnlichen Biographie eines Wissenschaftlers in der NS-Zeit

H. J. Scherers Biographie war lange Zeit undurchsichtig. Insbesondere die Hintergründe seines Aufenthalts in Belgien, seiner Rückkehr nach Deutschland, sowie seiner hirnpathologischen Untersuchungen der in Lubliniec ermordeten Kinder blieb bis vor wenigen Jahren unklar. Es gab Hinweise auf seine Ablehnung des Nationalsozialismus. Aber warum war er dann mitten im Krieg auf einmal nach Deutschland zurückgekehrt - um dort Gehirne ermordeter Kinder mit Behinderungen zu untersuchen? J. Peiffer und P. Kleihues (1999) würdigten Scherer als einen Pionier der Gliom-Forschung und verwiesen zugleich auf seine Verstrickung in die Kinder-Euthanasie. Sie deuteten ihn als eine widersprüchliche Persönlichkeit: Einerseits sei er vor den Nazis nach Antwerpen geflüchtet, andererseits jedoch in Breslau verstrickt in die Euthanasie gewesen. Für diese Sichtweise sprach damals vieles. Politische Systeme wie eine faschistische Diktatur können sicherlich die Widersprüchlichkeiten im Denken und Handeln der in ihr lebenden Menschen radikalisieren. Andererseits kann eine Versuchung für die historische Analyse darin bestehen, Zusammenhänge, die lediglich noch zu unklar recherchiert sind, sofort als eine solche Widersprüchlichkeit zu deuten. Hierfür mag die Biographie Scherers ein bemerkenswertes Beispiel sein.

14 Jahre später veröffentlichte M. Scherer (2013) in derselben Fachzeitschrift, "Brain Pathology", einen "Letter to the Editor", der überraschende, aber glaubwürdige Korrekturen am zuvor bekannten Lebenslauf seines Vaters, H. J. Scherer, lieferte. Scherer war 1933 wegen seiner strikt ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus von der Gestapo verhaftet und mehrere Tage lang verhört worden. Dies war auch der Grund seiner Flucht nach Belgien. Nachdem die Deutschen Belgien besetzt hatten, wurde er wiederum verhaftet, in Frankreich interniert, durch den Einsatz seiner belgischen Frau wieder entlassen, aber von den deutschen Besatzern gezwungen nach Deutschland zurückzukehren, da dort ein Mangel an Ärzten bestand. V. v. Weizsäcker erklärte sich bereit, ihm als Neuropathologen die kommissarische Leitung jener morphologischen Abteilung zu übertragen. Obwohl Scherer wissenschaftliche Publikationen verboten waren, gelang es V. v. Weizsäcker den Thieme Verlag dafür zu gewinnen, Scherers Buch über die Vergleichende Neuropathologie der Säugetiere (Scherer, 1944) noch während des 2. Weltkrieges zu veröffentlichen. Auf diesem Gebiet lag Scheres eigenes wissenschaftliches Interesse in seiner Breslauer Zeit.

Betrachtet man die Publikationen Scherers, so hatte er innerhalb der Neuropathologie kein spezielles Interesse an einem Nachweis hirnpathologischer Befunde bei Kindern mit Behinderungen. Vor jener Buchveröffentlichung zur vergleichenden Neuropathologie der Säugetiere galt sein Forschungsinteresse der Morphologie und Biologie der Gliome (Scherer, 1940). Dabei handelt es sich um Tumore, die aus dem Nähr- und Stützgewebe der Nervenbahnen entstehen. Diese dürften für die Untersuchungen der Präparate aus Lubliniec kaum eine besondere Bedeutung gespielt haben. Die wichtigsten Ergebnisse seiner Gliom-Forschung veröffentlichte er bereits vor seinem Wechsel nach Breslau. Scherer hat die Untersuchungen der Präparate aus Lubliniec jedenfalls - trotz einer enormen Anzahl an Publikationen in der kurzen Zeitspanne seines Lebens - nicht für eigene wissenschaftliche Veröffentlichungen genutzt. Die Erstellung der Untersuchungsberichte  bildete also einen eigenständigen Bereich innerhalb seiner neuropathologischen Aufgaben im Breslauer Institut, der mit seiner wissenschaftlichen Forschung wenig zu tun hatte. Es sprechen alle vorliegenden Quellen dafür, dass diese Untersuchungen auch von ihm nicht angestrebt, sondern als von der Klinik in Lubliniec beauftragt durchgeführt wurden.

Nach allem, was man heute über die politischen Überzeugungen Scherers und seine Biographie weiß, wird er sich damals als Verfolgter der Nationalsozialisten gezwungen gesehen haben, diese Untersuchungen durchzuführen, die entsprechenden Untersuchungsberichte zu verfassen und zurück nach Lubliniec zu senden. Auch seine Situation verdeutlicht, dass die Verstrickung in die Euthanasie keineswegs zwangsläufig zusammenhing mit einer ideologischen Überzeugung von der Berechtigung, diese Kinder zu ermorden. Wie man Scherers spezielle Form der Verstrickung in die Euthanasie unter dem Aspekt einer historischen Verantwortung beurteilt, ist eine schwierige Frage. Sie kann an dieser Stelle nur offen bleiben und nur vom Leser dieser Internetseite selbst entschieden werden. Jedenfalls hatte sich H. J. Scherer weitaus entschiedener gegen den Nationalsozialismus zu erkennen gegeben, als der Großteil seiner wissenschaftlichen Kollegen.

Auch zur Beurteilung des Verhaltens V. v. Weizsäckers als Institutsleiter in der Zeit des Nationalsozialismus stellen sich viele Fragen, die nur schwer zu beantworten sind. Er deckte in dieser Zeit nicht nur Scherer gegenüber einem Zugriff der Nationalsozialisten. Auch A. Mitscherlich fand nach seiner Entlassung aus der Gestapo-Haft in Heidelberg bei V. v. Weizsäcker eine Einstellung. Die kommunistischen Überzeugungen seiner Schüler W. Kütemeyer (ebenfalls bei V. v. Weizsäcker in Heidelberg) und L. Pickenhain (bei V. v. Weizsäcker in Breslau) sind bekannt. Pickenhain lernte schon zur Anfangszeit der Nationalsozialisten Russisch und reiste nach Moskau. Später übersetzte er in der DDR Pawlow, Anochin und Bernstein aus dem Russichen ins Deutsche. Er kannte den russischen Neurpsychologen A. R. Lurija persönlich und bemerkte inhaltliche  Parallelen zwischen dessen Schriften und denjenigen seines Lehrers V. v. Weizsäcker. Aber es gab auch bekennende Nationalsozialisten unter den Mitarbeitern V. v. Weizsäckers (insbesondere J. v. Stein). Das engere Verhältnis zu Scherer, sowie V. v. Weizsäckers Einsatz für dessen Buchveröffentlichung belegen, dass beide - entgegen aller bisherigen Annahmen - doch auch wissenschaftlich im Bereich der Neuropathologie miteinander diskutiert haben müssen. Dies macht V. v. Weizsäckers Unkenntnis jener Untersuchungsberichte sowie ihrer Zusammenhänge mit der Euthanasie unwahrscheinlicher als bisher angenommen. Scherer müssen diese mit Sicherheit klar gewesen sein. Und gerade wenn er als Verfolgter der Nazis nicht ohne erhebliche Gefahr für sich selbst in der Lage war, diese Untersuchungen zu hinterfragen oder gar zu verweigern, wäre es erst recht V. v. Weizsäckers Aufgabe und Verantwortung als Institutsleiter gewesen, wenigstens einen Versuch des Widerspruchs zu unternehmen oder in Lubliniec nachzufragen, wieso dort in derart regelmäßigen Abständen so außergewöhnlich viele Patienten an Lungenentzündung verstarben.

Allerdings verweist der Neuropathologe, Hirnforscher und Autor des Buches "Hirnforschung im Zwielicht - Beispiele verführbarer Wissenschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus", J. Peiffer (1997), in einer Arbeit über Scherer (Peiffer, 1999) darauf, dass alle an der Euthanasie beteiligten Neuropathologen (insbesondere J. Hallervorden, B. Ostertag und H. Spatz) schriftlich zur Verschwiegenheit verpflichtet wurden. Es könne angenommen werden, dass auch Scherer eine solche Vereinbarung unterzeichnet habe. Es stellt sich also die Frage, ob sein Vertrauen gegenüber V. v. Weizsäcker groß genug gewesen ist, um dieses Schweigen zu brechen. An welchem Punkt auch immer man jene Mauer des Schweigens vermutet - gegenüber denjenigen, welche diese Untersuchungen einforderten, oder auch innerhalb des Breslauer Instituts, oder bezogen auf V. v. Weizsäcker sogar nach dem 2. Weltkrieg und trotz Kenntnis der Untersuchungen Scherers. In diesem Schweigen und Dulden liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit der Kern der historischen Miterantwortung V. v. Weizsäckers für die Untersuchungen der in Lubliniec ermordeten Kinder, die sicherlich sowohl seinen eigenen medizinischen Überzeugungen, als auch denjenigen Scherers widersprachen.