Die wissenschaftliche Ausrichtung des Neurologische Forschungsinstitut in Breslau unter Viktor von Weizsäcker im Vergleich zu seinem Vorgänger O. Foerster

V. v. Weizsäckers Vorgänger in Breslau war einer der angesehendsten Neurologen seiner Zeit: ​O. Foerster. Er verfasste seine Habilitationsschrift bei einem der Begründer der funktionell-lokalisatorisch orientierten Neurologie, C. Wernicke, und gab gemeinsam mit diesem 1903 einen Atlas des Gehirns heraus (O. Foerster, 1903). Foerster erwarb ein so bedeutendes internationales Ansehen, dass er für die Behandlung berühmter Persönlichkeiten wie Lenin zu Rate gezogen wurde. Nach dessen Schlaganfall verbrachte er zur weiteren ärztlichen Versorgung Lenins anderthalb Jahre in Moskau. 1930 vertraten O. Foerster und V. v. Weizsäcker auf einem neurologischen Kongress unterschiedliche Standpunkte zu den Untersuchungsmethoden der Neurologie (Rimpau, 2009). In dieser Kontroverse spielte auch der später eng mit dem Gestaltpsychologen A. Gelb zusammenarbeitende Neurologe K. Goldstein eine wichtige Rolle, der ebenfalls den lokalisatorischen Standpunkt O. Foersters kritisierte.

Ein weiteres Spezialgebiet O. Foersters bildete die Neurochirurgie. Einer bedeutendsten Neurochirurgen des 20. Jahrhunderts, W. Penfield, war zunächst Schüler von Sherrington, dann bei dem Neurochirurgen H. Cushing in Boston und schließlich auch bei O. Foersters in Breslau. Obwohl O. Foerster bereits 1938 krankheitsbedingt emeritiert wurde, konnte sein Lehrstuhl aufgrund komplizierter Verhandlungen zu seiner Nachfolge erst Jahre später neu besetzt werden. V. v. Weizsäcker übernahm ihn am 1. Mai 1941.

Der Lehrstuhl für Neurologie an der Universität Breslau war nicht nur mit der Leitung des Neurologischen Forschungsinstituts, sondern auch der Leitung des Wenzel-Hanke-Krankenhauses verbunden. V. v. Weizsäcker behandelte dort in den Jahren bis 1945 kriegsbedingt viele Hirnverletzte. Somit umfasste der Breslauer Neurologie-Lehrstuhl drei Aufgabenfelder: die Lehre an der Universität, die Forschung am Institut und die klinische Praxis im Krankenhaus.

Die neuropathologische Abteilung des Instituts existierte bereits unter O. Foerster. Ihr Leiter war ab Mitte der 30er Jahre Foersters Schüler O. Gagel, der durch seine frühere Zeit bei W. Spielmeyer in München und bei H. Spatz in Frankfurt auch spezielle neuropathologische Kenntnisse besaß. Dieser wechselte jedoch 1940 nach Wien, so dass V. v. Weizsäcker bei seinem Antritt 1941 diese Stelle ebenfalls neu besetzen musste. In dieser Situation erinnerte er sich an H. J. Scherer, dessen wissenschaftliche Qualifikation und aktuell bedrohliche Lage (aufgrund seiner Ablehnung des Nationalsozialismus) er kannte. Er übertrug ihm die kommissarische Leitung der Abteilung.