Viktor von Weizsäckers Umgestaltung des Breslauer Instituts

Um nachvollziehen zu können, mit welchen Absichten V. v. Weizsäcker den Aufbau des Neurologischen Forschungsinstituts in Breslau neu ausrichtete, ist es wichtig, seine zuvor in Heidelberg entwickelte Forschung zu beachten. Ein Jahr bevor V. v. Weizsäcker die Leitung des Breslauer Instituts übernahm, veröffentlichte er sein neurologisches Hauptwerk: "Der Gestaltkreis - Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen" (V. v. Weizsäcker , 1940). Diesem lagen sinnesphysiologische und neurologische Experimente zgrunde, die V. v. Weizsäcker und seine Mitarbeiter in Heidelberg über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg (1920-1940) durchgeführt hatten. Das Vorwort zur 1. Auflage beginnt mit einem der meist zitierten Sätze V. v. Weizsäckers:

"Um Lebendes zu erforschen, muss man sich am Leben beteiligen"

(V. v. Weizsäcker, 1940, GS, Bd. 4, S. 83 )

Leider wird auch dieses Zitat nur selten in seinem Kontext wiedergegeben. Dieser ist jedoch für die neurologische Forschungsrichtung, der V. v. Weizsäcker sowohl in Heidelberg, als auch in Breslau - also über Jahrzehnte hinweg - konsequent gefolgt ist, von entscheidender Bedeutung:

"Man kann zwar den Versuch machen, Lebendes aus Nichtlebendem abzuleiten, aber dieses Unternehmen ist bisher misslungen. Man kann auch anstreben, das eigene Leben in der Wissenschaft zu verleugnen, aber dabei läuft eine Selbsttäuschung unter. Leben finden wir als Lebende vor; es entsteht nicht, sondern es ist schon da, es fängt nicht an, denn es hat schon angefangen. Am Anfang jeder Lebenswissenschaft steht nicht der Anfang des Lebens selbst; sondern die Wissenschaft hat mit dem Erwachen des Fragens mitten im Leben angefangen.

Der Absprung der Wissenschaft vom Leben ähnelt also dem Erwachen aus dem Schlaf. Man sollte daher nicht, wie oft geschehen ist, mit dem unbelebten Stoff oder dem Toten anfangen, etwa durch Aufzählen der in den Organismen vorkommenden chemischen Elemente. Das Leben entsteht nicht aus dem Toten."

(V. v. Weizsäcker, 1940, GS Band 4, S.83)

 

Nach dem Krieg beschrieb V. v. Weizsäcker rückblickend die Umgestaltung des Breslauer Instituts in einem Memorandum für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (als Vorschlag für eine ähnliche Einrichtung in Heidelberg):

"Als ich die Leitung des Instituts übernahm, erfüllt ich zwar auch die Pflicht, der morphologischen Abteilung einen (vorerst kommissarischen) Leiter in der Person eines Neuropathologen, Dr. J. Scherer, zu geben. Aber die dringendste Aufgabe war der Ausbau der physiologischen und biologischen Untersuchungen auf breiter Basis, da diese Gebiete an den anderen neurologischen Forschungsstätten in Deutschland und in Oesterreich verhältnismäßig weit weniger als die Morphologie gefördert wurde. .... Das Schwergewicht lag auf den Untersuchungen der biologischen Abteilung. Hier erfolgte der Ausbau der an der Heidelberger Klinik von 1920 bis 1940 von mir und meinen Mitarbeitern gewonnenen Gesichtspunkte. Die Lehre vom Funktionswandel und vom Gestaltkreis konnte mit fast unbeschränkten Mitteln weiterentwickelt werden. Wir gingen davon aus, dass eine neue Grundlegung der theoretischen Neurologie nicht nur von der Physiologie der nervösen Funktion, also vom Prinzip der Erregung, Leitung und Lokalisation, sondern von der experimentellen Analyse der Akte der Sinneswahrnehmung und der natürlichen willkürlichen Bewegung auszugehen habe."

(zitiert nach der Veröffentlichung bei C. Penselin, 1994, S. 132f. Das Original des Memorandum befindet sich im Nachlass Weizsäckers im Literaturarchiv in Marbach)

V. v. Weizsäcker benannte drei Bereiche, auf die sich seine neurologische Forschung in Breslau konzentrierte: Akustik und Optik des Gesunden und der Hirnverletzten, willkürliche Bewegungen, sowie der handwerkliche Umgang mit Umweltobjekten. Die Beispiele, die V. v. Weizsäcker für den zweiten Bereich anführte, verdeutlichen anschaulich die biologischen Leistungen, die er und seine Mitarbeiter experimentell untersuchten:

"Vorrichtungen zur Registrierung von Weg, Geschwindigkeit und Kraft der Armbewegung bei der Überwindung von Widerständen der inneren Reibung, äußeren Reibung, der Schwere, der Trägheit, beim Hammerschlag, beim Wurf, bei der Bewegung von Pendeln, wurden geschaffen."

(ebenda, S. 134)

Die Überwindung von Widerständen bei Armbewegungen untersuchte V. v. Weizsäcker bereits im "Gestaltkreis" an einem Beispiel, das verdeutlicht, wie eng seine neurologische Forschung mit seiner Kritik der naturwissenschaftlichen Medizin und seinen allgemeinmedizinischen Überlegungen zusammenhing. Ein typisches Symptom bei der Erkrankung an Parkinson ist der sogenannten Rigor. Weizsäcker untersuchte den Widerstand, den ein Untersucher aufwenden musste, wenn er den Arm eines Parkinson-Patienten führte. Dies führte zu dem überraschenden Befund, dass der Untersucher seine Kraftanstrengung als erhöht erlebte, obwohl dies objektiv gar nicht der Fall war. Der Untersucher nahm also in Projektion in den Patienten dessen erhöhte Anstrengung wahr, den Rigor zu überwinden.

"Wir empfinden als Untersucher in diesem Falle nicht die Kräfte, die wir im eigenen Arm erzeugen, sondern die, welche der Untersuchte zur Überwindung seiner Widerstände mit Erfolg erzeugt hat. .... Immer ist die Innervation des Muskels mit den Kräften, denen er begegnet, ein mechanisches System."

(V. v. Weizsäcker, 1940, GS Band 4, S. 149)

Jene neuropathologische Abteilung lag somit völlig abseits der wissenschaftlichen Interessen V. v. Weizsäckers. Er behielt sie lediglich  aus Respekt gegenüber seinem Vorgänger, O. Foerster, bei und übertrug deren Leitung H. J. Scherer, der bei W. Spielmeyer, R. Rössle und  L. van Bogaert neuropathologische Untersuchungen durchgeführt und publiziert hatte. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo, der Flucht nach Belgien und einer erneuten Internierung infolge der Besetzung Belgiens durch die Deutschen wurde Scherer gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren. V. v. Weizsäcker kannte Scherers Ablehnung des Nationalsozialismus und seine aktuell bedrohliche Lage.

 

Diese Umgestaltung des Instituts hatte zwei durchaus unterschiedliche Folgen. Einerseits ließ V. v. Weizsäcker nach Aussagen aller ehemaligen Institutsmitarbeiter (P. Christian, L. Pickenhain, K. J. Zülch und D. Heinzmann) Scherer weitgehend selbstständig arbeiten. Andererseits muss die persönliche Verbindung zu H. J. Scherer durchaus von menschlicher Sympathie geprägt gewesen sein. Dies beweist ein Brief V. v. Weizsäckers zum Tod Scherers an dessen Witwe (V. v. Weizsäcker, 1949). Diese Konstellation macht es sehr schwierig einzuschätzen, worüber und wie offen sich H. J. Scherer und V. v. Weizsäcker gegenseitig austauschten. Insbesondere in dieser Hinsicht bleiben bisher viele Fragen offen.